INTERVIEW: Rachid Jaghou, Leiter des Zentralen Gebäudemanagements der Stadt Krefeld

Deutliches Signal: Krefelds Vorlage zum gesunden und nachhaltigen Bauen

Rachid Jaghou schildert die bisherigen Erfahrungen seines Teams, die Beweggründe für diesen Schritt hin zum nachhaltigen und gesunden Bauen und wagt einen Blick in die Zukunft, die aus seiner Sicht nur nachhaltig gestaltet sein kann.

AM 03.09.2020 HAT DAS ZENTRALE GEBÄUDEMANAGEMENT DER STADT KREFELD NEUE HOCHBAUSTANDARDS BESCHLOSSEN: NEU-, UM- UND ERWEITERUNGSBAUTEN SOLLEN KÜNFTIG NACH NACHHALTIGEN UND GESUNDEN KRITERIEN AUSGESCHRIEBEN WERDEN. WELCHES SIND HIER DIE WICHTIGSTEN PUNKTE?

Durch die Implementierung der Anlage „Nachhaltiges Bauen“ in die Hochbaustandards verfolgt das Zentrale Gebäudemanagement das Ziel, zukünftig energieeffiziente, ökologische und wirtschaftlich erfolgreiche Gebäude zu bauen und zu betreiben. Die Anlage ist wegweisend und die Inhalte sind in dieser Form in kaum einer anderen Kommune die Grundlage für die Errichtung und Sanierung von städtischen Gebäuden.

Die Ziele umfassen die Minimierung der Klimafolgeschäden durch eine lebenszyklusorientierte Planung. Hier werden sowohl die Umwelteinwirkungen bei der Herstellung als auch beim Betrieb bzw. beim Rückbau des Gebäudes betrachtet. Die Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien bei gleichzeitiger Minimierung des Endenergiebedarfs trägt zusätzlich zu einer Verringerung der emissionsbedingten Umwelteinwirkungen bei.

Der Gesundheitsschutz der Nutzer rückt in den Vordergrund. Es werden Baustoffe verwendet, von denen keine umweltschädigenden bzw. menschengefährdenden Eigenschaften ausgehen. In Verbindung mit den Faktoren "thermischer Komfort, gute Raumakustik und visueller Komfort" wird dem Nutzer ein gesunder Aufenthaltsort geschaffen.

 

BEZIEHT SICH DER BESCHLUSS AUF ALLE (UM-)BAUVORHABEN DER STADT KREFELD? SIND HIER AUCH SANIERUNGEN MIT EINBEZOGEN?

Ja, der Beschluss zu den nachhaltigen Hochbaustandards bezieht sich sowohl auf Neubauten als auch auf Sanierungsprojekte. Der Umfang, in welchen Punkten die Anlage zum nachhaltigen Bauen umgesetzt wird, erfolgt projektspezifisch zu Beginn anhand des Kriterienkataloges. Ziel ist eine weitgehende Umsetzung aller darin aufgeführten Punkte.

 

WAS HAT SIE UND IHR TEAM ZU DIESEM SCHRITT BEWOGEN?

Das Thema "Nachhaltiges Bauen" begleitet das zentrale Gebäudemanagement schon seit einiger Zeit. So wurden aufgrund der klimapolitischen Ziele und dem Anspruch, hier als Stadt eine Vorreiterrolle einzunehmen, im Januar 2020 Gespräche mit dem Ökozentrum NRW geführt. Ziel war es nicht nur, die gesetzlich vorgeschriebenen Klimaschutzziele zu erreichen, sondern zukunftsorientiert auch das Thema Nachhaltigkeit und gesundes Bauen zu integrieren.

Bestätigt wurden unsere Ideen schließlich durch den gemeinsamen Besuch des Stadskantoors in Venlo mit unserem Oberbürgermeister Herrn Frank Meyer. Die dort vorgestellten Ziele und auch die Besichtigung des Gebäudes bekräftigten uns in unserem weiteren Vorgehen.

Nachdem der Umsetzung unsere Hochbaustandards und damit auch der Anlage zum Nachhaltigen Bauen im Betriebsausschuss zugestimmt wurde, folgt nun die Berücksichtigung der vorgegebenen Parameter in den ersten Projekten. Zum jetzigen Zeitpunkt wird ein Fortbildungsplan für die MitarbeiterInnen des ZGM (Zentrales Gebäudemanagement) gemeinsam mit dem Ökozentrum NRW erarbeitet. Nicht nur die externen Planer, auch wir als Auftraggeber müssen entsprechend geschult sein, um diese neuen Anforderungen umzusetzen.

 

WELCHE BEDEUTUNG HAT DIE UMSETZUNG DES BESCHLUSSES FÜR ARCHITEKTEN UND PLANER UND WELCHE AUSWIRKUNGEN HAT DIES AUF DIE VERGABE VON PROJEKTEN?

Die Stadt Krefeld und somit auch das zentrale Gebäudemanagement haben sich zum nachhaltigen Bauen verpflichtet. Bei der Vergabe von Planungs- und Bauaufträgen werden die Standards zugrundgelegt, d.h., dass sich auch externe Architekten viel intensiver mit dem Thema nachhaltiges Bauen auseinandersetzen müssen.

 

WELCHE PROJEKTE SIND AKTUELL IN PLANUNG BZW. UMSETZUNG UND INWIEFERN WERDEN KRITERIEN DES NACHHALTIGEN UND GESUNDEN BAUENS DABEI BEREITS BERÜCKSICHTIGT?

Aktuell befinden sich das Projekt "Haus der Bildung" an der Hofstraße und das Neubauvorhaben einer Kita auf der Ritterstraße unter Berücksichtigung der nachhaltigen Hochbaustandards in Planung. Weitere Projekte, wie z.B. die Kita Weidenröschenweg oder die Planung des neuen Verwaltungsgebäudes werden folgen. Das Verwaltungsgebäudes, wird gegebenenfalls nach DGNB oder BNB zertifiziert.

 

WELCHE ERFAHRUNGEN HABEN SIE BIS JETZT GEMACHT - SIND DIE AKTEURE IN DER BAUWIRTSCHAFT GUT AUF DIE ZUKÜNFTIGEN AUSSCHREIBUNGSKRITERIEN VORBEREITET?

Die ersten Projekte wurden gestartet und bisher gibt es positive Rückmeldungen. Am Beispiel des Projektes "Haus der Bildung" wird deutlich, dass sich größere Planungsbüros zum Thema Nachhaltigkeit Knowhow aufgebaut haben und große Projekte begleiten können. Schwieriger wird es bei kleinen Neubau- und Sanierungsprojekten. Aber auch hier ist die Tendenz erkennbar, dass sich zunehmend auch kleine Planungsbüros und Baufirmen intensiver mit dem Thema beschäftigen.

 

WO SEHEN SIE DIE GRÖSSTEN HERAUSFORDERUNGEN BEI DER BERÜCKSICHTIGUNG NACHHALTIGER ASPEKTE BEI STÄDTISCHEN BAUVORHABEN?

Die größten Herausforderungen sehe ich darin, unter Einhaltung des festgelegten Projektbudgets möglichst umfangreiche Nachhaltigkeitsaspekte umzusetzen. Mit den ersten Projekten sammeln wir dazu Erfahrungen und werden hieraus für künftige Projekte lernen. Besonders wichtig ist auch die Durchführung der geplanten Schulungen.

 

WELCHE CHANCEN BIETET DIE POSITIONIERUNG DER STADT KREFELD HINSICHTLICH NACHHALTIGER UND GESUNDER BAUWEISE FÜR DIE ZUKÜNFTIGE STADTENTWICKLUNG?

Die Stadt trägt Verantwortung für die eigenen Gebäude, hat aber auch eine Vorbildfunktion für private Bauherrn.  Die Positionierung trägt dazu bei, dass sich private Bauherren an uns orientieren können. Einige der Vorgaben könnten auch bei der Entwicklung neuer Stadtquartiere berücksichtigt werden. So können Nachhaltigkeitsaspekte bereits bei der Aufstellung von Bebauungsplänen integriert werden.

 

FÜHRT IHRER MEINUNG NACH ZUKÜNFTIG NOCH EIN WEG AM NACHHALTIGEN UND GESUNDEN BAUEN VORBEI?

Nein. Nachhaltigkeit ist nicht mehr wegzudenken. Die Schonung von ökologischen Ressourcen, Klimaschutz und Gesundheit sind nur einige Beispiele, die es zu berücksichtigen gilt um damit heutige Lebensqualität zu verbessern und für die künftige Generation zu erhalten.

 

Die gesamte Anlage "Nachhaltiges Bauen" zu den Hochbaustandards finden Sie hier.