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17.02.2010 Rheinische Post
Orgelstadt Krefeld
60 bis 70 Orgeln gibt es in der Stadt, schätzt Regionaldekan Andreas Cavelius. Darunter sind viele Klangjuwelen aus großen Orgelbau-Dynastien.
In der Passionszeit unternehmen wir einen Streifzug zu ausgewählten Instrumenten.
Der Niederrhein hat eine lange Tradition als Orgellandschaft. Zwar hat eine Vielzahl von Kriegen, vor allem die kirchenfeindliche napoleonische Besatzung und die Zerstörungskraft des Zweiten Weltkriegs, zur Folge, dass es kaum noch ältere historische Instrumente gibt. Aber auch unter den neueren finden sich Juwelen der Orgelbaukunst, die Kenner von weit her anlocken.
Seit die Pfeifenorgel im Mittelalter über die Klöster in die Kirchen des ganzen Landes fand, zum Hauptinstrument der Gottesdienstbegleitung und darüber hinaus zum Konzertinstrument für die Werke großer Komponisten wurde, hat praktisch jede Orgelbauwerkstatt ihren Anteil an der Weiterentwicklung der Technik geleistet, und sei es in kleinen Details. Denn letztlich ist jede Orgel ein Unikat, das genau auf die speziellen Gegebenheiten des Kirchengebäudes und die Wünsche der jeweiligen Gemeinde abgestimmt wurde.
Das Jahr 1900 markiert einen gewissen Wendepunkt im Stil des Orgelbaus am Niederrhein. Baute man vorher gern Instrumente, die von besonders hellem, obertonreichem Klang waren und den Spieltisch für den Organisten oft an ihrer Rückseite hatten, so wandelte sich die Mode danach. Die gewaltigen, über Pedale gespielten und zu Türmen gebündelten Basspfeifen wurden zum regulären Bestandteil.
Einen weiteren Einschnitt bedeutet die Jahreszahl 1945. Bis dahin hatten vor allem regionale Baumeister wie Stahlhut, Klais, Breil, Fabritius und Seifert die Szene bestimmt. Der enorme Neubaubedarf führte die Niederrheiner dazu, dass sie sich bundesweit nach den Besten für ihr jeweiliges Orgel-Projekt umschauten und so eine beachtliche Vielfalt orgelbaukünstlerischer Handschriften entstehen ließen. Zeitgleich verstärkte sich auch der Trend hin zu geschlossenen, optisch schlichten, aber klanglich vorteilhaften geschlossenen Gehäusebauten.
Städte wie Brüggen mit der barocken Titz/Gilman-Orgel in St. Nikolaus, Kempen mit der Albiez-Orgel in der Probstei-Kirche und der König-Orgel in der Paterskirche, Viersen mit der imposanten, an französischen Vorbildern orientierten Woehl-Orgel in St. Remigius und natürlich Kevelaer mit der Seifert-Orgel in der Wallfahrtsbasilika, einer der größten Orgeln Deutschlands (122 Register) mit einem Schwester-Instrument im Neusser Münster, sind auch Pilgerstätten für Fans und Sachverständige aus vieler Herren Länder.
Und Krefeld mit seinen - so schätzt Regionalkantor Andreas Cavelius - 60 bis 70 Exemplaren, ist eine richtige Orgelstadt. In der Konventkirche in Hüls findet sich sogar noch eine Weidmann-Orgel von 1683, die jedoch nicht mehr benutzt wird. Dabei verdankt die Seidenstadt die Vielfältigkeit der Fabrikate auch der Umsicht von Viktor Scholz, dem früheren Orgelreferenten des Bistums Aachen, der viele Orgelbauprojekte in Krefeld und am ganzen Niederrhein mit Geschick und Sachverstand betreute und prägte. Auf einen ganz wesentlichen Umstand sei hier auch noch hingewiesen: Es waren immer die Gemeindemitglieder selbst und die von ihnen ins Leben gerufenen Fördervereine, die die erforderlichen Geldmittel für die Restaurierungen oder Neubauten ihrer Kircheninstrumente aufgebracht haben. In den kirchlichen Institutionen gibt es dafür keine Etats.
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